17.12.2017
Tafelbild "Krönung Mariä" (Meister von Maria am Gestade, 1460): Detail mit Orgel
Tafelbild "Krönung Mariä" (Meister von Maria am Gestade, 1460): Detail mit Orgel

Zur Orgelgeschichte der Kirche Maria am Gestade

Die älteste Orgel der Kirche Maria am Gestade ist leider nicht spielbar und war dies auch niemals in ihrer mehr als ein halbes Jahrtausend währenden Geschichte, denn sie ist Teil eines Gemäldes: das Altarbild Krönung Mariens auf der rechten Seite des Presbyteriums, geschaffen 1460 vom Meister von Maria am Gestade, enthält Wiens älteste Darstellung einer Orgel. 

Der früheste Hinweis auf das Bestehen einer Orgel in Maria am Gestade stammt aus dem frühen 17. Jahrhundert: Der aus dem steirischen Weißkirchen gebürtige Komponist Vinzenz Fux (1606 - 1659), später Hofkapellmeister der verwitweten Kaiserin Eleanora und Autor zahlreicher Werke, insbesondere Messen und Triosonaten, begann seine Laufbahn als Organist dieser Kirche.

Blick nach Westen vor der Profanisierung 1786, mit der Barockorgel auf der damaligen Musikempore
Blick nach Westen vor der Profanisierung 1786, mit der Barockorgel auf der damaligen Musikempore

Die ursprüngliche Musikempore befand sich im vorderen Teil der Kirche über dem südlichen Portal; die Umrisse des Zugangs von der Turmstiege aus sind noch heute erkennbar. Sie stellte sowohl in liturgischer als auch in akustischer Hinsicht einen hervorragend geeigneten Standort für die Kirchenmusik dar; diese wurde durch die Nähe zum Hauptaltar als Teil des gottesdienstlichen Geschehens wahrgenommen, nicht als bloße Verschönerung, wie es dem ab dem 18. Jahrhundert sich zunehmend durchsetzenden Verständnis entspricht, das in der Verlagerung auf die ferne Westempore seinen sinnbildlichen Ausdruck findet. Auf der alten Musikempore im Presbyterium stand im 18. Jahrhundert ein zweimanualiges barockes Orgelwerk mit 14 Registern und kurzer Oktav. 

Orgelprospekt von Friedrich Deutschmann, 1821
Orgelprospekt von Friedrich Deutschmann, 1821

Im Zuge der Neueinrichtung der Kirche nach der Übernahme durch die Redemptoristen im Jahr 1820, wurde Friedrich Deutschmann, bürgerlicher Orgelmacher in Wien, zunächst mit der Reparatur dieser Orgel beauftragt. Wie aus einer Eingabe Deutschmanns vom 14. August 1822 an die Landesregierung hervorgeht, wurde hierfür ein Pauschale von 1600 Gulden Konventionsmünze (entspricht heute ca. 10.000 Euro) vereinbart. Bei der Zerlegung erwies sich das Instrument jedoch wegen fortgeschrittenem Verfall als unbrauchbar. Man entschloss sich zu einem Neubau auf der Westempore, dessen Modalitäten offenbar nicht in der erforderlichen Klarheit festgelegt worden waren. Wie aus dem besagten Schreiben hervorgeht, fing Deutschmann "eine billige Entschädigung zuversichtlich hoffen[d] [...] den neuen Orgelbau also an", um "der Würde des Ordens, der Größe der Kirche, der Stärke des in dieselbe zuströmenden andächtigen Volkes auch dem gnädigen in ihn gesetzten Zutrauen zu entsprechen." Die alte Musikempore wurde abgebrochen, die Teile der alten Orgel wurden "auf seine Kosten in seine Wohnung transferirt". Da offenbar eine dem beträchtlichen Mehraufwand eines Neubaus gegenüber einer bloßen Reparatur entsprechende Aufstockung der Entlohnung nicht vorgesehen war, suchte Deutschmann bei der Landesregierung an, dass diese ihm "als Familien-Vater 5 lebendiger Kinder [...] eine seiner Kunst- und seinen bedeutenden gehabten Unkosten angemessene Entschädigung angedeihen lassen werde." Das von Deutschmann errichtete zweimanualige Instrument mit 17 Registern enthielt die noch verwendbaren Pfeifen aus der alten Barockorgel.

Hauptorgel auf der Westempore (Matthäus Mauracher 1911/12)
Hauptorgel auf der Westempore (Matthäus Mauracher 1911/12)

Im Jahr 1884 wurde durch Johann Lachmayr aus Linz unter Verwendung von Teilen des Gehäuses und des Pfeifenwerkes von Deutschmann eine neue Orgel mit mechanischen Kegelladen erbaut.

Die jetzige Hauptorgel wurde 1911/12 von Matthäus Mauracher, Salzburg errichtet. Sie enthält 32 klingende Register, verteilt auf zwei Manuale (Hauptwerk, Schwellwerk) und Pedal, pneumatische Spiel- und Registertraktur und Kegelladen. Bei diesem Neubau wurde wiederum Pfeifenmaterial aus den Vorgänger-Instrumenten einbezogen. Das neugotische Holzgehäuse stammt zum größten Teil noch von Deutschmann; das obere mittlere Gehäusefeld, hinter dessen Prospektpfeifen sich der Schweller verbirgt, wurde von Mauracher hinzugefügt. Das Instrument wurde im Jahr 2002 generalsaniert und bietet ein farbenreiches spätromantisches Klangbild.

MMag. Daniel Schmidt, KMD

 

Literatur:
- P. Carl Dilgskron CSsR, Geschichte der Kirche unserer lieben Frau am Gestade zu Wien, Wien 1882
- Günter Lade, Orgeln in Wien, Wien 1990, S. 124 f
- P. Josef Löw CSsR, Maria am Gestade, Wien 1931
- Franz Windtner, Die Instandsetzung der Orgel in Maria am Gestade, St. Florian 2002